Master of Desaster

von | 11.07.2022 | Annes Meinung

Kein Plan von Praxis M. A., Theoretiker B. Sc.

Immer wieder stolpere ich darüber, dass Personen mit akademischen Abschlüssen keine Ahnung von der Realität/Praxis haben. Quereinsteiger:innen aber keinen Plan von der Theorie. Somit können sie auch keine Transferleistung von der Theorie in die Praxis leisten. Immer wieder frage ich mich: „Was finde ich eigentlich schlimmer?“
Naja, es kommt drauf an. 😉 Nämlich darauf, wie ehrlich die Leute mit sich selbst, aber auch mit ihrem Umfeld/potentiellen Kunden umgehen. Gerade bei Quereinsteigern erlebe ich oft Selbstüberschätzung und Verwendungen von Fachbegriffen, die wild in den Raum geworfen werden. Experte für z. B. Social-Media-Marketing oder Webdesign kann ja heutzutage jeder werden, oder?! Vor einem halben Jahr Jurist:in, Techniker:in, Bäcker:in oder Industriekauffrau/mann,… heute Expert:in für dein Online- (füge ein, was du möchtest, z. B.: Business, Recruiting, Auftritt, Consulting, Life-Coach, …). 😵‍💫
Klar, geil, man kann sich heutzutage easy weiterbilden und somit seiner Leidenschaft nachgehen. Aus Jobs ausbrechen, in denen man gefangen zu sein scheint, aber gerade in unserem Bereich gibt es teilweise keine anerkannten Ausbildungsberufe oder diese werden einfach missachtet. Mehr dazu werde ich in einem Blog-Eintrag zum Thema Assistenz der Geschäftsführung ist kein Marketing-Mädchen-für-alles schreiben. Das führt dazu, dass sich jeder als Experte für irgendetwas im Kommunikationsspektrum bezeichnen kann. Tätowierer kennen das Problem ebenfalls in ihrem Berufsfeld.

Wo liegt eigentlich das Kernproblem von Quereinsteigern?

Sie machen den Markt kaputt (der hinterlegte Blogeintrag zeigt ganz schön, dass teils sogar empfohlen wird, sich im Kreativbereich selbstständig zu machen, wenn man nicht (in dem Bereich) ausgebildet ist und eigentlich gar nicht weiß, was man machen möchte oder kann – Hauptsache nicht mehr angestellt oder arbeitslos sein).
Krasse Aussage und etwas schwarz-weiß gedacht, aber prinzipiell geht es mir darum: Personen, die sich im Schnellverfahren ausbilden, erlernen nur das, was auch schnell verhältnismäßig viel Geld bringt. Dazu kommt, dass sie häufig auch äußerst fragwürdige Vertriebs-Skills erlernen.
– Passend dazu ein kurzer Abstecher in die Versicherungsbranche: Hast du dich mal gefragt, warum selbstständige oder scheinselbstständige Quereinsteiger dir bisher nur Lebensversicherungen verkaufen wollten?! Gleicher Grund: Schnelles Geld. Übrigens habe ich nach meinem Abi eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau gemacht und mich damals schon über diesen Zustand aufgeregt. Es scheint mich zu verfolgen. 😜 –
Daher weiß ich also, dass der Vertrieb tatsächlich teilweise unterirdisch/unangenehm/zum fremdschämen ist und jeder kennt doch auch die Kaltakquise auf Xing, LinkedIn und Co. „Willst DU Neukunden?!“, „Hast DU noch Kapazität, Neukunden zu bedienen?“, „Ich finde DEINE Mitarbeiter!“ bla bli blub. Früher via Telefon, heute in den sozialen Medien. Im Schnellverfahren werden also z. B. Social-Media-Skills erlernt, um schnellstmöglich auf Instagram und anderen Plattformen als Expert:in, Coach:in oder Mentor:in auftreten zu können. Was oft vergessen wird: Stetige Weiterbildung, theoretisches grundlegendes Wissen aus dem Bereich Wirtschaft, Marketing und Vertrieb, von Empathie ganz zu schweigen.

Übrigens, der Begriff „Marketing“ wird zu Hauf falsch verwendet, darüber schreibe ich nochmal separat. 😄🙈

Außerdem fehlt es oft extrem an Beratung gegenüber der Kunden. Vielleicht denken die Anbieter auch, dass sie ausreichend beraten, weil sie es nicht besser wissen. Manchmal weiß ich nicht, ob ich das Ganze einfach nur schlecht finde oder die Anbieter mir Leid tun sollten. Fazit: Die Weiterbildungen können gar nicht vertikal ausgerichtet sein und müssen in der Horizontalen viel zu schmal sein.

Also ab an die Uni?

Haha, denkt sich der ein oder andere wohl. „Wie soll ich das finanzieren?!“ Klar, gerade im fortgeschrittenen Alter ist es extrem schwierig, noch einmal ein klassisches Vollzeitstudium anzupeilen oder auch ein Onlinestudium erfolgreich „neben“ dem – vermutlich – 40-Stunden-Job zu schaffen. Mir persönlich haben mein BWL– und Wirtschaftspsychologiestudium (beides mit Schwerpunkt Marketing) extrem viel Wissen vermittelt. Problem: Ich habe im Hörsaal gar nicht gerafft, worum es denn eigentlich geht, wie es in der Praxis umgesetzt wird, wie die Realität aussieht. Hilfe verschafften mir meine Jobs als Werkstudierende. Ich konnte mein Wissen aus der Theorie in der Praxis erkennen, anwenden und verstehen. Das macht aber nicht jede:r Studierende. Sogar im Master saßen noch unglaublich viele Theoretiker:innen um mich herum, die zwar mit Bravour ihren Abschluss machten, von Tuten und Blasen in der Praxis aber gar keinen Plan hatten, aaaber Hauptsache der Gehaltswunsch ist utopisch hoch.

Mein Weg mit Anfang 20

Bereits im ersten Semester BWL habe ich in der Inhouse-Agentur eines in Schleswig-Holstein und Hamburg bekannten Mercedes-Händlers arbeiten können (Schwerpunkt: Print, Werbetechnik, Event und Öffentlichkeitsarbeit). Es machte sooooo oft „Klick!“. Wahnsinnig toll! Ich wusste, dass der Schritt ins Studium der richtige gewesen ist und bin immer noch unfassbar dankbar, dass mir dieser frühe Sprung in die Praxis ermöglicht wurde. Fortan arbeitete ich in verschiedensten Marketingbereichen und Unternehmensbranchen. Vom Start-up, das handmade Accessoires für Hund und Halter:innen produziert (ich war dort hauptsächlich im Social-Media-Marketing, später auch im Bereich Newsletter- und Influencer-Marketing und Event-Management tätig) über Produzent für Fischfeinkost (hier Produktmanagement im Discount-Bereich) bis hin zu Stadtwerken (dort saß ich in der „klassischen Marketing- und Öffentlichkeitsarbeitsabteilung eines Mittelständlers“). Während und nach meinem Studium konnte ich die erlernte Theorie somit nicht nur in einem Bereich einsetzen sondern in ganz verschiedenen Abteilungen und Unternehmen. Für mich hochrelevant, um überhaupt im Bereich Kommunikationsdienstleistung und -Beratung tätig sein zu können (am liebsten wäre mir hier: zu dürfen).

Und nun?

Achtet bei der Wahl eures Werbe-/Kreativdienstleisters einfach auf deren Werdegang, fachliche Kompetenz und Bauchgefühl beim Kennenlernen! Klar, können auch ehemalige Quereinsteiger extrem gute Arbeit leisten und Studierte, denen der Transfer in die Praxis fehlt, eben nicht. Meist hilft euch bereits ein Blick ins Xing- oder LinkedIn-Profil des Anbieters weiter. Unerlässlich ist es ebenfalls, die Referenzen und eigenen Medien des Anbieters zu checken (oder würdet ihr eure Schuhe bei jemandem anfertigen lassen, der selbst 1€-Flip-Flops trägt?). Worauf ihr beim Thema Referenzen besonders achten sollt, erfahrt ihr bald ebenfalls in einem weiteren Blog-Beitrag.

Bildquelle: Adobe Stock (401204614)


1 Kommentar

  1. Kati Nuss

    😍😍😍😍😍

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Über den Autor

Anne Sophie Büsch

Anne Sophie Büsch

Hello, it's me - Anne, der Kopf der Agentur. Ich bin studierte Betriebswirtin und habe einen Master in Wirtschaftspsychologie - in beiden Studiengängen lag mein Schwerpunkt im Marketing. Seit 2015 war ich in verschiedenen Marketingbereichen in unterschiedlichen Branchen tätig. Meine Praxiserfahrung lehrte mich, die Theorie in der Praxis anzuwenden und zielführend einzusetzen.

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